Beunruhigender Präzedenzfall in Belgien: Das Verschweigen von Interessenkonflikten steht im Einklang mit der journalistischen Berufsethik

Beunruhigender Präzedenzfall in Belgien: Das Verschweigen von Interessenkonflikten steht im Einklang mit der journalistischen Berufsethik

Eine im September 2020 beim Rat für journalistische Ethik (CDJ) eingereichte Beschwerde blieb unbemerkt, ist aber wegen ihres Gegenstands und vor allem wegen ihres Ergebnisses ein Jahr später, im September 2021, durchaus von Interesse[1].

Kurz gesagt: In einer Reportage der RTL-Nachrichten über Impfstoffe im Juli 2020 standen sich Argumente von Impfgegnern und Impfbefürwortern gegenüber, doch die Verbindungen des Impfbefürworters zu einem Impfstoffhersteller wurden in der Reportage nie offengelegt. Urteil des CDJ: Das sei nicht unerlässlich gewesen, da man deutlich gesehen habe, dass er ein Befürworter des Impfstoffs war! BAM! beleuchtet diese unglaubliche Affäre, die zum Präzedenzfall werden könnte.Erinnern wir zunächst an die Fakten. Am 14. Juli 2020 strahlte RTL Info in seinen 19-Uhr-Nachrichten eine Reportage von Dominique Demoulin über die Impfgegnerbewegung und ihre Argumente aus. Die Journalistin eröffnet die Reportage mit der durch Bilder belegten Feststellung, dass der impfkritische Diskurs in den sozialen Netzwerken an Boden gewinnt, wo er insbesondere von Stars verbreitet wird. Anschließend befragt sie zwei klar identifizierte, entschiedene Impfgegner: den Journalisten Yves Rasir, Gründer der Zeitschrift Néosanté[2] und Dr. Eric Beeth, Mitglied des Kollektivs „Initiative citoyenne“. Auf ihre Wortmeldungen folgt die eines weiteren Gesprächspartners, der als „Michel Moutschen, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten ULiège“ vorgestellt wird. Es folgt eine Gegenüberstellung von Argumenten für und gegen die Covid-Impfstoffe.

Verschwiegene Interessenkonflikte

Das Problem ist, dass die Verbindungen von Michel Moutschen zur Pharmaindustrie den Zuschauern zu keinem Zeitpunkt offengelegt werden, obwohl er als klinischer Prüfarzt für GSK tätig war und GSK gerade an der Entwicklung eines Covid-Impfstoffs arbeitet. Am 11. September 2020 reichten sechs Personen beim CDJ Beschwerde gegen diese Sequenz der Nachrichten von RTL Info ein, in der sie den „voreingenommenen Charakter des Interviews mit Dr. M. Moutschen“ beanstandeten und die Auffassung vertraten, „dass es der journalistischen Berufsethik widerspricht, die Zuschauer nicht über die Interessenkonflikte“ dieses Gesprächspartners informiert zu haben.

In ihrer ersten Antwort erklärt RTL Info, die Journalistin habe sich bemüht, dem Standpunkt der Impfgegnerbewegung den eines Spezialisten für Infektionskrankheiten gegenüberzustellen. Zur Auslassung der Information erklärt das Medium, die Journalistin habe es als nicht zum Kontext gehörend erachtet zu erwähnen, dass Prof. Moutschen an Forschungsarbeiten beim Unternehmen GSK beteiligt war, da es dabei um eine ganz andere Krankheit gegangen sei als die, die Gegenstand der Reportage war.

In ihrer Erwiderung stellten die Beschwerdeführer klar, es gehe ihnen nicht darum zu sagen, ob die Wahl von Prof. Moutschen gut oder schlecht war, sondern darum festzustellen, dass das Verschweigen der ihn betreffenden Interessenkonflikte eine unethische Art darstelle, Journalismus zu betreiben, und eine Weigerung des Mediums, seine Verantwortung zu übernehmen. Ihrer Ansicht nach lässt sich der Einfluss dieser Interessenkonflikte auf seine Aussagen in der Reportage nicht leugnen (es gebe keine wirksame Behandlung gegen das Coronavirus, und folglich seien Impfstoffe die wirksamsten Behandlungen mit den wenigsten Nebenwirkungen gegen Infektionskrankheiten). Sie verweisen zudem auf seine Interessenbindungen zu Pfizer.

Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen

Die Beschwerdeführer verlangten eine Richtigstellung, in der anerkannt wird, dass die Interessenkonflikte des betreffenden Arztes in der Reportage nicht angesprochen worden waren, sowie vorbeugende Maßnahmen, damit sich solche berufsethischen Verstöße nicht wiederholen. Das Medium und die Journalistin kamen dem nicht nach.

Der CDJ seinerseits befand, dass „die Beschwerde nicht begründet ist“. Er argumentiert, dass „die Erwähnung des potenziellen Interessenkonflikts des Arztes, der sich für den Impfstoff aussprach, im Kontext keine Auslassung einer wesentlichen Information darstellte“. Eine solche Information war nämlich „nicht unerlässlich“, da sie eine Person betraf, die sich offenkundig unter dem („impliziten, aber dennoch leicht erkennbaren“) Etikett eines Impfbefürworters äußerte. Selbst wenn dieser Interessenkonflikt nicht nur erwiesen, sondern auch aktuell und für das behandelte Thema relevant gewesen wäre, „konnte die Journalistin daher berechtigterweise der Ansicht sein, dass es nicht notwendig war (…), die Aussagen des Betroffenen mit dieser Information in Perspektive zu setzen“, da „diese Einordnung nichts an der Tatsache geändert hätte, dass sein Beitrag an sich bereits als nicht neutral erschien“.

Interessenkonflikte: Was sagt das Gesetz?

Die Offenlegung der Interessenkonflikte von Wissenschaftlern, die sich in den Medien äußern, wurde vom französischen Code de Santé publique für verpflichtend erklärt. Die Disziplinarkammer der Ärzte in Frankreich hat sogar bereits einen Arzt sanktioniert, der seine Interessenbindungen nicht angegeben hatte[3], was die Bedeutung dieser Information belegt. In Belgien gibt es jedoch nichts dergleichen! Weder im Gesetz noch im Kodex der journalistischen Berufsethik, was die Bedeutung der Stellungnahme des belgischen Rates für journalistische Ethik (CDJ) zu dieser Frage zeigt.

Die Interessenkonflikte wissenschaftlicher Experten werden vom belgischen Hohen Gesundheitsrat (HGR) jedoch sehr ernst genommen[4]. Der HGR ist die erste wissenschaftliche Beratungsinstitution in Belgien, die eine eigene Philosophie entwickelt und mit einer Deontologie-Kommission einen umfassenden Ansatz für den Umgang mit Interessenerklärungen und möglichen Konflikten eingeführt hat. Für den HGR „ist Transparenz in Bezug auf Interessen und potenzielle Konflikte bei der Abgabe und Kommunikation einer Stellungnahme notwendig“. Der HGR lädt sogar andere Institutionen zur Zusammenarbeit ein, um ein System zum Umgang mit potenziellen Interessenkonflikten anzuwenden.

Natürlich hat die Meinung eines Wissenschaftlers in einem Medium nicht dasselbe Gewicht wie in einer Stellungnahme des HGR, die die Gesundheitspolitik beeinflussen kann. Die Stellungnahme des CDJ, wonach die Erwähnung eines Interessenkonflikts nicht unerlässlich ist, wenn die Meinung erkennbar nicht „neutral“ ist, wird daher auf diesem Gebiet zum Präzedenzfall werden. Und das zu einer Zeit, in der sich sehr viele „Experten“ aus dem Gesundheitsbereich in den Medien geäußert haben, um das Management der Covid-Krise einzuordnen und zu analysieren und so die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Ein gequältes Lachen

Beenden wir diese Geschichte mit einer kleinen surrealen Note, wie wir sie in unserem schönen Land lieben. Mit großem Interesse liest man den jüngsten Gastbeitrag[5]  einer Riege von Wissenschaftlern, die von Experten, Politikern und Journalisten mehr Sorgfalt in der Kommunikation fordert. Tatsächlich ist er einmal mehr ein Vorwand, um Geert Vanden Bossche und Patrick Meyer zu diskreditieren, die „vom wissenschaftlichen Konsens abweichen“, aber darum geht es hier nicht.

Unter den wenigen in diesem Beitrag vorgeschlagenen Ansätzen sei derjenige zur Offenlegung von Interessenkonflikten hervorgehoben, der empfiehlt, „dass diese gute Praxis sowohl von Politikern als auch von Journalisten rigoros eingefordert wird. Ein Interessenkonflikt hebt die Kompetenz der sich äußernden Fachperson nicht auf, ermöglicht es aber, die Elemente einzuschätzen, die die Objektivität ihrer Positionen bewusst oder unbewusst beeinträchtigen können“.

Bis hierhin kann man diese Stellungnahme, die das aufzugreifen scheint, was die Urheber der Beschwerde gegen die Reportage von RTL Info gefordert hatten, nur begrüßen. Man stellt jedoch fest, dass einer der Unterzeichner dieses giftigen Gastbeitrags gegen zwei Wissenschaftler, die ernsthafte Zweifel an der Sicherheit der Covid-Impfstoffe äußern, niemand anderes ist als Michel Moutschen, schlicht als „Infektiologe, Liège Université“ ausgewiesen…

[2] Zudem Kolumnist in der Talkshow von BAM!

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