RTBF: Was man denken soll

RTBF: Was man denken soll

Auf den Tag genau vier Jahre nach dem Erscheinen von „Ceci n’est pas un complot“ teilt Bernard Crutzen mit uns seine Gedanken zum Podcast „Les Clés“ von Arnaud Ruyssen, der vergangene Woche auf der RTBF ausgestrahlt wurde. In diesem Gastbeitrag fordert er die Journalisten auf, sich zu fragen, ob sie nicht von ihren Quellen getäuscht worden sind.

Vergangenen Donnerstag erzählt mir ein Freund, dass auf La Première (RTBF) über meinen Dokumentarfilm „Ceci n’est pas un complot“ gesprochen wird. Ich höre mir den Podcast „Les Clés“, moderiert von Arnaud Ruyssen, zeitversetzt an und bin überrascht: Ich erkenne die Ausschnitte aus meinem eigenen Film nicht wieder! Da wird mir klar, dass dem Team von „Les Clés“ ein Fehler unterlaufen ist, der hoffentlich unbeabsichtigt war: Es hat die Absichtserklärung[1] verwendet, mit der Anfang Oktober 2020 das Crowdfunding angekündigt wurde, und nicht Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm, der im Februar 2021 erschienen ist.

Ich stehe zu meinen Aussagen in dieser Absichtserklärung, aber meine Haltung hatte sich bis zum Erscheinen des Films weiterentwickelt. Die Wut, die im Oktober vorherrschte, hatte sich in Empörung verwandelt. Der Kommentar war differenzierter, ich hatte verstanden, wie sehr die Medien von ihren Quellen getäuscht wurden (darauf komme ich später zurück). Auch der Mediendiskurs hatte sich etwas verändert: Die Presse zeigte sich kritischer gegenüber dem katastrophalen Management der 2. Welle, glaubte aber weiterhin, dass die Impfung eine Rückkehr zur Normalität bedeuten würde.

Heute, auf den Tag genau vier Jahre nach dem Erscheinen von „Ceci n’est pas un complot“, bleibt mir ein Gefühl der Enttäuschung und der Ohnmacht: Die Journalisten haben mir nicht zugehört.

Die Podcast-Reihe „Covid, 5 ans après“ erweckt den Eindruck, dass Behörden und Presse versuchen, ihre Irrwege zu rechtfertigen. „Damals wusste man es nicht“ ist der Satz, der wie ein Mantra wiederkehrt. Doch die Verwendung des „man“ ist nicht korrekt. Manche Fachleute wussten es, manche Pflegekräfte schlugen Alarm, man hat nicht auf sie gehört. Im Gegenteil, sie wurden auf schwarze Listen gesetzt, lächerlich gemacht und manchmal verfolgt, und zwar von denjenigen, die glaubten, „der Wahrheit“ am nächsten zu sein.

Arnaud Ruyssen ist zweifellos der differenzierteste Journalist der RTBF, und ich stimme ihm zu, wenn er sagt: Worauf ich in dieser Krise auch sehr stark geachtet habe, ist die Demut der Experten, ihre Fähigkeit anzuerkennen, dass sie bestimmte Dinge nicht wussten. Ich verstehe daher nicht recht, warum er seinen Gast Xavier Counasse in der Folge über die Medien so selbstgewiss auftreten ließ. Mehrmals hämmerte der Journalist von Le Soir in apodiktischem und endgültigem Ton: „Das ist falsch!“ Ich möchte ihn zu etwas mehr Differenzierung einladen. Um ihm dabei zu helfen, habe ich einige Aussagen auseinandergenommen, die im Podcast „Covid : les médias ont‑ils été suffisamment critiques ?“ zu hören waren.

  1. Halten wir gleich zu Beginn fest, dass die RTBF im Artikel[2] von RTBF Actu, der zum Anhören des Podcasts einlädt, Farbe bekennt. Dort heißt es: Um zu erfahren, was man über den Dokumentarfilm „Ceci n’est pas un complot“ von Bernard Crutzen denken soll, hören Sie sich die Fortsetzung des Podcasts an … Ist die RTBF befugt, uns zu sagen, was wir denken SOLLEN? Mit der Verwendung dieses Verbs scheint sie einzugestehen, dass der freie Wille ihren Journalisten vorbehalten ist, die mehrheitlich von der Université Libre de Bruxelles kommen, dem selbsternannten Tempel des freien Willens. Müssen wir, Leser und Hörer, zwangsläufig so denken wie die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

    rtbf-ce-qu-on-doit-penser
  1. Jean‑François Raskin (ehemaliger Generaladministrator des IHECS und ehemaliger Vorsitzender des Verwaltungsrats der RTBF), von Arnaud Ruyssen eingeladen, ist in einem seiner Beiträge der Meinung, dass es den Medien an Empathie gefehlt habe. Diese Bemerkung ließ Arnaud Ruyssen und Xavier Counasse einstimmig auffahren. Auszug aus dem Podcast:

    19 Min. 16 Sek. Arnaud Ruyssen: Ich kann Sie das nicht sagen lassen, denn Empathie, also die Zeugnisse all derer einzuholen, die unter den Maßnahmen litten, das wurde sehr viel gemacht.
    Ich stimme Arnaud Ruyssen zu: Die Medien haben Empathie gegenüber einer Bevölkerung gezeigt, die der Maskenpflicht, dem Social Distancing, den Blasen, Ausgangssperren und Lockdowns unterworfen war. Aber nur sehr selten hat die Presse die Berechtigung dieser Maßnahmen offen kritisiert. Statt Empathie haben die Medien gegenüber jeder skeptischen oder abweichenden Haltung eher Verachtung gezeigt. In dem 5 Jahre nach der Krise aufgezeichneten Podcast legt Xavier Counasse noch immer eine seltene Härte gegenüber denjenigen an den Tag, die die Maßnahmen hinterfragt haben, wie Bernard Rentier oder Elisabeth Paul. Und auch ich werde nicht verschont (siehe weiter unten).
  1. 22 Min. 23 Sek. (Arnaud Ruyssen) Ich möchte Sie einige Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm hören lassen, der damals viel Aufsehen erregt hat. Ein Dokumentarfilm namens „Ceci n’est pas un complot“ , der nicht von den traditionellen Medien ausgestrahlt wurde, sich aber in den sozialen Medien, im Netz seinen Platz erobert hat (…)
    (Sarah Poucet)
    (…) Anfang Februar 2021 frei auf Vimeo und YouTube veröffentlicht, sammelt er sehr schnell Tausende von Aufrufen, bis er die Million überschreitet.

    Kleiner Faktencheck:
    Der Film wurde auch von einem traditionellen Medium ausgestrahlt: dem Fernsehsender des wallonischen Picardie NoTélé. Über verschiedene Plattformen hinweg erreichte er insgesamt 1,9 Millionen Aufrufe.
  1. 23 Min. 16 Sek. (Sarah Poucet) 1 Stunde 10 Minuten lang folgen zahllose Ausschnitte aus Nachrichtensendungen oder Zeitungsschlagzeilen über die Pandemie aufeinander. Eine Anhäufung sehr kurzer Ausschnitte, die es nie wirklich erlauben, den Kontext des Interviews oder die Aussage in ihrer Gesamtheit zu erfassen.
    Diese Kritik kann man an jeden Dokumentarfilm, an jede Reportage und sogar an den Podcast „Les Clés“ richten, denn es sind ja gerade kurze Ausschnitte aus Nachrichtensendungen oder Interviews, die die Ausführungen von Arnaud Ruyssen illustrieren. Niemand strahlt heute noch lange Interviewausschnitte aus, aus Angst, dass der Fernsehzuschauer oder Internetnutzer wegzappt.
  1. 24 Min. 34 Sek. (Bernard Crutzen, Auszug aus der Absichtserklärung) Man soll mir nie wieder sagen, die Presse sei eine Gegenmacht! Ich will diesen Film machen, weil meine Wut nicht verraucht.

    Ich habe es oben gesagt: Die in diesem Podcast ausgestrahlten Ausschnitte stammen aus der Absichtserklärung[3], nicht aber aus dem Dokumentarfilm, wie Arnaud Ruyssen ankündigt. Zwischen der Erstellung dieser Absichtserklärung und dem Erscheinen des Films vergingen vier Monate. Nachdem ich Dutzende Gesprächspartner getroffen hatte, war mein Kommentar weniger aufgebracht.

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  1. 26 Min. 41 Sek. (Xavier Counasse) Ich kann die Verantwortung der traditionellen Medien bei der Entstehung der alternativen Medien nicht nachvollziehen … Ich weiß nicht, ob ich das Medien nennen soll, denn ich habe sie ja gesehen, diese Seiten, und ich habe mir den Beitrag, den Dokumentarfilm bis zum Ende angesehen, das reißt mir … ich glaube, das Wort ist zu stark, als dass ich es wiederhole, von Herrn Crutzen …

    Herr Counasse bringt diese Worte nur mühsam hervor und irrt sich: Ein Dokumentarfilm wird gegebenenfalls in einem Medium ausgestrahlt, aber er ist kein Medium. Und der Journalist von Le Soir scheint keinen Unterschied zwischen einer Reportage und einem Dokumentarfilm zu machen. „Ceci n’est pas un complot“ hat die Form einer Recherche, weil der Film versucht, die Aussagen der Medien mit der Realität zu konfrontieren. Aber wie jeder Dokumentarfilm hat er eine Autorensicht, eine von Anfang an klar bekundete Haltung.
  1. (Xavier Counasse) Das hat nichts mit Information zu tun. Das sind keine Medien. Da gibt es ... Ich wollte einen Faktencheck dieses Dokumentarfilms beginnen. Ich hatte so viele Punkte, ich habe mir gesagt: Das wird 25 Tage dauern!

    25 Tage? Nur etwa zehn Punkte wurden von anderen Medien einem Faktencheck unterzogen (L’Echo[4], Libération …). Und dabei handelt es sich hauptsächlich um unterschiedliche Sichtweisen und nicht um Fake News, wie Xavier Counasse andeutet. Gerne gebe ich dem Journalisten von Le Soir meine Antworten und meine Quellen.

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  1. 27 Min. 09 Sek. (Xavier Counasse)
    Ich habe sicherlich Besseres zu tun, um unsere Leser zu informieren. Entschuldigung für diese kleine Abschweifung, aber ich denke, irgendwann erwartet man von uns einen Mehrwert, Recherche …

    Hat Xavier Counasse seine eigenen Quellen recherchiert? Während der Covid-Krise stammten zahlreiche Meldungen von der Agentur Reuters, der größten westlichen Nachrichtenagentur mit 2500 Journalisten und 200 Regionalbüros.

    Auf der offiziellen Website des Pharmakonzerns Pfizer findet man die Mitglieder des Verwaltungsrats, darunter einen gewissen James C. Smith[5]. In seiner Biografie erfährt man, dass Herr Smith bis 2020 CEO der Thompson‑Reuters Corporation war. Thompson‑Reuters ist unter anderem Eigentümerin der Nachrichtenagentur Reuters. Man kann sich leicht vorstellen, dass Herr Smith es vorziehen würde, wenn für Pfizer wenig schmeichelhafte Informationen von Reuters mit weniger Eifer verbreitet würden als die guten Ergebnisse des Konzerns. Auch wenn die Redaktion der Nachrichtenagentur natürlich ihre Unabhängigkeit beteuern wird.

    Ende 2021 überschwemmte uns die Agentur Reuters mit Informationen über die südafrikanische Variante, wobei sie deren sehr hohe Ansteckungsfähigkeit betonte, viel weniger dagegen ihre geringe Morbidität. Ein gefundenes Fressen für Pfizer!

    Bei uns teilte der Mikrobiologe Emmanuel André, der in den Nachrichtensendungen der RTBF sehr präsent war, auf seinem Twitter-Konto häufig die Meldungen der Agentur Reuters. Der Mikrobiologe fiel durch besonders aggressive Tweets gegen die Dissidenten auf und hatte mich mehrfach beschuldigt, ein notorischer Lügner zu sein. Er hat Twitter‑X vor 2 Wochen verlassen. Um keine Spuren seiner Stellungnahmen zu hinterlassen, jetzt, wo sich der Wind dreht?

    Doch zurück zu Herrn Smith. Hier ist also ein Mann, der 2020 CEO eines Unternehmens war, zu dem die größte Nachrichtenagentur der Welt gehört, und zugleich im Verwaltungsrat von Pfizer saß. Ich kann mir vorstellen, dass Xavier Counasse in dem Strudel, der die Presse zu Beginn der Gesundheitskrise mitriss, keine Zeit hatte, seine Quellen zu überprüfen. Aber seitdem?

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  1. 37 Min. 00 Sek. (Xavier Counasse)

    Wir müssen weiterhin kritisch sein. Wir müssen uns natürlich selbst hinterfragen, aber wir stellen uns Fragen, wir tun es.

    Ich ermutige Xavier Counasse in der Tat, sich Fragen zu stellen. Insbesondere zur Zuverlässigkeit und Uneigennützigkeit seiner Quellen. Wochenlang verbreitete der Journalist auf den Seiten von Le Soir die Zahl der „Fälle“ (obwohl es sich um positive Tests handelte) und die Zahl der Covid-Todesfälle weltweit, präsentiert als Infografik. Diese Statistiken vermischten munter Todesfälle durch Covid und Todesfälle mit Covid, was erst viel später präzisiert wurde.

    Die Quelle dieser Statistiken wurde in Le Soir angegeben, es handelte sich um „Our World in Data“, das sich auf die von der John Hopkins University aggregierten Daten stützte[6]. Man muss ein wenig suchen, um festzustellen, dass sich hinter der prestigeträchtigen Fassade der Universität in Wirklichkeit eine private Hochschule verbirgt, die Bloomberg School of Public Health[7], finanziert von dem milliardenschweren Philanthropen Mike Bloomberg[8]. Eben jener, der gerade angekündigt hat, dass seine Stiftung nach dem Rückzug der USA aus dem Pariser Abkommen die Finanzierung von Klimamaßnahmen übernehmen werde.

    Ich habe seit 4 Jahren den Newsletter der John Hopkins School of Public Health abonniert. Beim kleinsten Einzelfall einer Ansteckung durch irgendein Virus, in irgendeinem Winkel der Erde, ermutigt die John Hopkins die Behörden zu drastischen Maßnahmen. Die Hochschule beschwört ständig das Schreckgespenst von Pandemien herauf, um politische Entscheidungsträger zu beeinflussen und um Spenden für ihre Arbeit zu bitten. Sie ist auch Initiatorin mehrerer Simulationen, darunter das berühmte „Event 201“, das im Oktober 2019 in New York stattfand[9], zwei Monate vor der Entdeckung von SarsCov2. Diese vom Weltwirtschaftsforum (Davos) und der Bill&Melinda-Gates-Stiftung mit dem Segen der WHO gesponserte Übung ging von der Ausbreitung eines Coronavirus und der darauf zu gebenden weltweiten Antwort aus. Am Tisch saßen: Epidemiologen, UPS, Lufthansa … aber keine einzige Pflegekraft. Zur Besetzung dieser Veranstaltung gehörte dagegen eine Sicherheitsexpertin, die betonte, wie wichtig es sei, die sozialen Netzwerke mundtot zu machen, damit niemand den offiziellen Informationen widersprechen könne. Nun hat der Chef von Meta (Facebook, Insta …) vor einigen Wochen eingeräumt[10], dass er während der Covid-Krise von den amerikanischen Behörden Anweisungen erhalten habe, jede Veröffentlichung zu zensieren, die die offizielle Kommunikation infrage stellte.

Hat Arnaud Ruyssen, als er Xavier Counasse einlud, sich zum Verhalten der Medien während der Gesundheitskrise zu äußern, damit gerechnet, dass der Journalist von Le Soir fünf Jahre danach noch so aufgebracht sein würde? Ich teile das Gefühl der Frustration dieser beiden Journalisten: Wenn man seine Komfortzone verlassen hat, um bestmöglich zu informieren, wenn man seine Stunden nicht gezählt und vielleicht sein Familienleben aufs Spiel gesetzt hat, ist es schwer, Kritik zu akzeptieren. Darin stimme ich ihnen zu, denn auch ich habe viel geopfert. Aber ich glaube, dass sich beide in ihrer Wut irren. Die Wut, die sie, noch unbestimmt, empfinden, rührt daher, dass sie von ihren Quellen getäuscht wurden und sich in etwas hineinziehen ließen, das eines Tages als der größte Gesundheitsskandal der Menschheit erscheinen wird.

Bernard Crutzen

Dokumentarfilmer.


Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen liegen allein in der Verantwortung des Autors und geben nicht unbedingt die Meinung von BAM! wieder.

 

Vorspann von BAM!

[1] Ceci n’est pas un complot NOTE d’INTENTION.

[2] 5 ans de Covid‑19 : les médias ont‑ils été suffisamment critiques durant la crise sanitaire ? - RTBF Actus

[3] Ceci n’est pas un complot NOTE d’INTENTION

[4] Zum Beispiel der von L’Echo: Ceci n’est pas un complot, mais ceci prend des libertés avec les faits | L’Echo

[5] James Smith | Pfizer

[6] Edouard Mathieu and Lucas Rodés‑Guirao (2023) - „Our World in Data will rely on data from the WHO to track confirmed COVID‑19 cases and deaths“ Published online at OurWorldinData.org. Retrieved from: ’Our World in Data will rely on data from the WHO to track confirmed COVID‑19 cases and deaths’ [Online Resource]

[7] Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health

[8] Mike Bloomberg | Johns Hopkins

[9] Event 201 Pandemic Exercise: Highlights Reel

[10] Mark Zuckerberg affirme que la Maison Blanche a fait "pression" sur Facebook et Instagram pour censurer des contenus sur le Covid‑19

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