Kann man durch die Zeit reisen?

Kann man durch die Zeit reisen?

In einer Carte Blanche vom 5. Februar 2022, erschienen im Vif [1], versucht Prof. Jacques Longueville eine Erklärung, um die Nebenwirkungen des Covid-Impfstoffs zu relativieren.

BAM!-DETOX*

Für BAM!-DETOX ist dies die Gelegenheit, einigen abgedroschenen Argumenten den Garaus zu machen und Wissenschaft von Science-Fiction zu trennen.

Vier Todesfälle im Zusammenhang mit dem Covid-Impfstoff in Belgien?

„Von den 8.741.197 Personen, die in Belgien mindestens zwei Dosen des Impfstoffs erhalten haben, gelten nur 4 Todesfälle als wahrscheinlich mit diesem in Zusammenhang stehend.“

Derzeit sind in Belgien 274 Todesfälle nach der Impfung gemeldet [2]

Sind diese 274 Todesfälle Folgen des Impfstoffs? Nicht unbedingt; wir kommen weiter unten darauf zurück.

Werden alle mit dem Impfstoff zusammenhängenden Nebenwirkungen der Pharmakovigilanz gemeldet? Nein, es handelt sich hier um eine sogenannte passive Pharmakovigilanz. Das bedeutet, dass sie auf freiwilliger Basis erfolgt und daher eine relativ große Zahl von Nebenwirkungen nicht gemeldet wird. Erfahrungsgemäß kann man vernünftigerweise davon ausgehen, dass 1 % bis 10 % der Vorfälle gemeldet werden. Was den Covid-Impfstoff betrifft, hat Prof. Christophe de Brouwer im September 2021 die Zahl der Meldungen im Verhältnis zur Zahl der Geimpften für 5 Länder verglichen[3]: Frankreich, Niederlande, Belgien, Deutschland und Luxemburg. Wenn wir die Niederlande als anzustrebendes Ideal betrachten – wohl wissend, dass es auch dort ein gewisses Maß an Untererfassung gibt –, sehen wir, dass Belgien fast achtmal weniger (13 %) meldet als die Niederlande.

Das bedeutet: Wenn Prof. Longueville erklärt, dass „nur 4 Todesfälle als wahrscheinlich mit diesem in Zusammenhang stehend gelten“, spricht er von 4 Todesfällen, bei denen der Zusammenhang mit der Impfung festgestellt wurde, unter den gemeldeten Todesfällen. Heißt das, dass unter den 270 übrigen gemeldeten Todesfällen keine mit dem Impfstoff zusammenhängen? Nein, es heißt nur, dass unter den 274 gemeldeten Fällen bei 4 ein Zusammenhang nachgewiesen werden konnte.
Um das Argument von Prof. Longueville zu veranschaulichen: Es ist ein bisschen so, als würde man behaupten, die Zahl der aufgeklärten Einbrüche entspreche der Zahl der begangenen Einbrüche. Nicht alle Einbrüche werden angezeigt, und nicht alle angezeigten Einbrüche werden aufgeklärt.

Eine Nutzen-Risiko-Bilanz zugunsten des Impfstoffs?

„Demgegenüber ist die virologisch bestätigte Krankheit Covid-19 bei 2.921.427 überwiegend ungeimpften Personen für 27.163 Todesfälle verantwortlich. Der Unterschied in den Sterblichkeitsraten je nach Impfstatus ist also eklatant, mit enorm viel mehr Todesfällen durch das Coronavirus bei den Ungeimpften als Todesfällen, bei denen vermutet wird, dass sie die Folge des Impfstoffs sind.“ Diese Argumentation ist irreführend. Sie unterstellt, dass die 27.163 Todesfälle dem künftigen Covid-Risiko entsprechen, was nicht zutrifft.

Danke an Caroline Vandermeeren für die Illustration.

Betrachten wir die Entwicklung einer Epidemie hin zur Endemie (was sich bei Covid bestätigt), so sehen wir, dass das künftige Risiko mit der Zeit abnimmt. Tatsächlich steigt im Laufe der Zeit die Zahl der vergangenen Todesfälle, während die Zahl der künftigen Todesfälle sinkt.

Zudem ist die Wirksamkeit des Impfstoffs weit von 100 % entfernt, und sie nimmt mit der Zeit ab, was durch die Vervielfachung der Dosen zu einer Häufung der Nebenwirkungen führt.

Eine Lösung?

Man sieht also, dass die vergangenen Covid-Todesfälle ebenso wie die Pharmakovigilanz kein gutes Mittel sind, um die Nutzen-Risiko-Bilanz zu berechnen, insbesondere bei den Todesfällen.

Wie unter anderem bereits Prof. Patrick Meyer[4], Covidata.be[5], Prof. Doshi[6] und BAM![7] dargelegt haben, gibt es tatsächlich einen einfachen Weg, die vergangene Nutzen-Risiko-Bilanz abzuschätzen: Zugang zu den anonymisierten Rohdaten der Todesfälle und der Impfungen gewähren. Der Zugang zu diesen Daten würde es ermöglichen, die fruchtlosen Debatten auf der Grundlage von für alle überprüfbaren Fakten zu beenden, und böte jedem die Möglichkeit, eine besser informierte Entscheidung zu treffen. Doch die zuständigen Stellen scheinen es nicht eilig zu haben, die Daten zu veröffentlichen, die sich doch in ihrem Besitz befinden..

Welcher Nutzen für wen?

Wenn Prof. Longueville vom Nutzen spricht, verschweigt er, dass nicht jeder dasselbe Risiko gegenüber Covid hat. Inzwischen ist erwiesen, dass mehrere Faktoren eine wichtige Rolle für die Schwere der Infektionen spielen (Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Diabetes, Alter, Immunschwäche usw.). Wir wissen, dass die meisten Covid-Verstorbenen mindestens eine Komorbidität hatten. Was das Alter betrifft, sehen wir an den Zahlen von Statbel[8], dass wir unter 65 Jahren im Jahr 2020 keine signifikante Übersterblichkeit verzeichnet haben.

Wird man einer ganzen Bevölkerung, einschließlich Kindern im Wachstum, eine drakonische Diät auferlegen, weil manche Übergewichtsprobleme haben oder weil das Durchschnittsgewicht der Bevölkerung zu hoch ist?

Und auf lange Sicht?

„Ein begrenzter zeitlicher Abstand, um sich der Sicherheit des Produkts zu vergewissern, wird manchmal angeführt, um den Anti-COVID-19-Impfstoff als experimentelle Behandlung zu bezeichnen, was kaum Sinn ergibt, da weltweit bereits 8.470.000.000 Dosen (alle Marken zusammen) verabreicht wurden. (...) Die in diesem Zeitraum der Pharmakovigilanz gewonnenen Erkenntnisse sind beruhigend; es wurde keine Entwicklung von Langzeitnebenwirkungen gemeldet.“

Im Grunde erklärt uns Prof. Longueville, dass wir, sollten innerhalb von fünf Jahren Nebenwirkungen auftreten, dies bereits nach einem Jahr wissen könnten… Um dieses Kunststück, das eines Abenteuers von Jules Verne würdig ist, zu rechtfertigen, erklärt er uns, dass 8.470.000.000 Impfdosen über ein Jahr es erlauben, zu wissen, was in 2, 5, 10 oder mehr Jahren geschehen wird. Dieses Argument ist medizinisch natürlich nicht korrekt. Wir haben diesen Satz dem Scharfsinn eines Epidemiologen unterbreitet, der lächelte und uns Folgendes antwortete: „Die Spättoxizitäten von Medikamenten oder Impfstoffen beruhen auf anderen Prozessen als die akuten Toxizitäten. Die Zeit lässt Effekte anwachsen, die in der akuten Phase UNSICHTBAR sind. Diese Effekte können jedoch statistisch erheblich und sehr schwerwiegend sein. Deshalb werden die offiziellen Phase-3-Studien erst nach 2 Jahren abgeschlossen sein“.

Doch Prof. Longueville beruhigt uns: „Es wurde keine Entwicklung von Langzeitnebenwirkungen gemeldet“ – auf kurze Sicht…

Es ist hier vielleicht nützlich, an das Drama um Softenon (Thalidomid) zu erinnern[9]. Softenon, das 1956 auf den Markt gebracht wurde, um die Übelkeit schwangerer Frauen zu lindern, sollte mehr als 20.000 Opfer fordern: behinderte Kinder, von denen die Hälfte starb, bevor sie das Alter von 1 Jahr erreichten…

Die für die Marktzulassung dieses Medikaments vorgelegten Studien ließen keinerlei Nebenwirkungen erkennen. Doch 1960 stellten Neurologen Neuritiden fest, also Nervenentzündungen. Das Pharmaunternehmen spielte dies herunter und organisierte Verleumdungskampagnen gegen die Neurologen, die es wagten, sich zu äußern – mit dem Ergebnis, dass die Zahl der Opfer stieg.

Es sollte mehr als 5 Jahre nach seiner Markteinführung dauern, bis Softenon vom Markt genommen wurde!

Wenn man durch die Zeit reisen will, kann man sicherlich aus vergangenen Erfahrungen lernen, sollte aber vermeiden, Science-Fiction zu betreiben.

 

Von BAM-DETOX!


[1] Les effets secondaires sont-ils l’apanage du vaccin anti-Covid ? - La Libre

[2] Coronavirus : aperçu mensuel des effets indésirables des vaccins contre la COVID-19 du 27 janvier 2022 | AFMPS

[3] https://www.facebook.com/photo/ ?fbid=10220123216812117

[4] Interview de Patrick Meyer, professeur à l’ Uliège - BAM! Belgian Alternative Media (auf Französisch)

[5] Covidata.be on Twitter: "1/4 Aujourd’hui, jour 8 de la campagne

[6] Covid-19 vaccines and treatments: we must have raw data, now

[7] Droit de réponse : l’absence de transparence et de débat met en danger la science et la santé publique - BAM! Belgian Alternative Media (auf Französisch)

[8] Mortalité | Statbel

[9] Thalidomide — Wikipédia

Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen liegen in der alleinigen Verantwortung des Autors und geben nicht unbedingt die Meinung von BAM! wieder.

* BAM!-DETOX vereint Universitätsprofessoren, Ärzte, Menschen aus dem pharmazeutischen und medizinischen Bereich sowie unabhängige Journalisten. BAM!-DETOX hat zum Ziel, die in den Medien und sozialen Netzwerken verbreiteten Informationen zu analysieren und zu überprüfen.

Bildquelle:
BAM!

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