Google im Krieg gegen den Verstand?

Google im Krieg gegen den Verstand?

Kontrolle der online ausgetauschten Informationen, Erschaffung digitaler Zwillinge, Lenkung hin zu maßgeschneiderten Inhalten: Big Tech will die Bürger und ihre politischen Entscheidungen formatieren. Nach welchen Kriterien? In den Vereinigten Staaten enthüllen Whistleblower wie Zach Vorhies und Professor Robert Epstein den verborgenen Einfluss von Google und seine Einmischung in Wahlen. Ein Blick in das Konsortium des Totalitarismus 2.0.

Bei 5 Milliarden Smartphone-Nutzern weltweit im Jahr 2024 steht fest[1]: Wir leben fast alle mit einem Spion in der Tasche. Ohne unser Wissen sind diese kleinen Taschencomputer im Lauf der Jahre zu hocheffizienten, invasiven Kontrollinstrumenten geworden.

Dank einer ausgeklügelten Marketingstrategie, die darin besteht, zahlreiche Funktionen und Apps „kostenlos“ anzubieten, sind Hersteller und Provider in der Lage, uns ständig zu orten, unsere Gespräche und unseren Austausch in den sozialen Netzwerken aufzuzeichnen und unsere Suchanfragen ebenso wie unsere Einkäufe zu speichern, um unsere Entscheidungen und unser Verhalten präzise zu erfassen. Die Big-Tech-Konzerne, allen voran Google, analysieren so unsere politischen Ansichten, unsere sexuelle Orientierung ebenso wie unser Engagement in Sachen Aktivismus, Spiritualität oder Religion.

Begegnung mit unserem digitalen Zwilling

Mithilfe leistungsstarker Algorithmen ermöglicht diese gigantische Datenkonzentration, ein dynamisches und äußerst präzises Profil jedes Nutzers zu erstellen, den sogenannten digitalen Zwilling. Diese Algorithmen sind nicht nur zu „prädiktiver Programmierung“ fähig, das heißt, unser Verhalten vorherzusehen, sondern auch dazu, es zu lenken – mittels Faktoren, die Google in die uns vorgesetzten Inhalte einfügt, nach Kriterien, zu denen wir keinen Zugang haben.

So ist zwischen dem Verbraucher und den GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) eine völlig asymmetrische Beziehung entstanden. Während wir glauben, uns in einer riesigen Bibliothek des Wissens zu bewegen, die frei, kostenlos und allen zugänglich ist, werden wir rund um die Uhr verfolgt und analysiert, um uns je nach Profil besser in die von Big Tech beschlossene Richtung beeinflussen zu können. Zudem sind unsere Daten eine beträchtliche Profitquelle: Sie werden an eine Reihe von Unternehmen verkauft, die damit mit unserer Zustimmung gezieltes Marketing betreiben – auch wenn wir, wie 91 % der Nutzer2 - und 97 % der jungen Menschen unter 34 Jahren –, die rechtlichen Vertragsbedingungen nicht lesen.

Schon vor zehn Jahren warnten uns Analysten, dass Google bereits mehr über uns3 wisse als wir selbst. Stellen Sie sich angesichts der exponentiellen Entwicklung der KI vor, welche Macht dieses Unternehmen heute über jeden Internetnutzer hat. In den Vereinigten Staaten etwa ermöglicht die detaillierte Analyse dieser gewaltigen Datenmenge (Big Data) mittels KI Google und anderen Big-Tech-Konzernen, ein detailliertes politisches Panorama zu erstellen, Bundesstaat für Bundesstaat, County für County, indem sie einerseits die Zugehörigkeit offiziell bei einer Partei registrierter US-Bürger mit ihrem digitalen Profil verknüpfen und andererseits deren Austausch in den sozialen Netzwerken analysieren. Diese dynamischen Verknüpfungen, die bereits 2008 im Wahlkampf Obamas eingesetzt wurden, trugen zu seinem Sieg bei.

Von einer lukrativen Koalition zum Totalitarismus 2.0?

All diese von Google verarbeiteten Daten interessieren die Bundesregierung und noch mehr die Geheimdienste brennend. Die Nähe zwischen dem Tech-Riesen und der Obama-Regierung spiegelt sich in der Zahl der im Besucherregister des Weißen Hauses eingetragenen Besuche wider: Zwischen dem 21. Januar 2009 und dem 31. Oktober 2015 besuchten Ingenieure und Führungskräfte von Google das Weiße Haus 427 Mal[2]. Mit anderen Worten: Mehr als einmal pro Woche folgten Sitzungen und Gespräche zwischen Google-Mitarbeitern und Beamten der Obama-Regierung zu einem sehr breiten Spektrum von Themen aufeinander: nationale Sicherheit, Strategie für digitale Medien, Regierungsaufträge, Kartellrecht, geistiges Eigentum, Biotechnologie, Energie und Klimawandel, Telekommunikation, Außenpolitik, Gesundheit – so gut wie alles kam zur Sprache.

Der Nachweis einer Interessenkonvergenz ist eindeutig. Diese enge Partnerschaft zwischen Google und der Bundesregierung hat sich nicht nur in lukrative öffentlich-private Verträge verwandelt, sondern auch die Entwicklung einer Echtzeitüberwachung jedes amerikanischen und ausländischen Bürgers ermöglicht – zum Nutzen des Tech-Riesen ebenso wie der Bundesregierung und ihrer Behörden. Diese Überwachung bildet die Grundlage eines ausgeklügelten Zensursystems, das von den Geheimdiensten in Auftrag gegeben und über die Big-Tech-Konzerne umgesetzt wird, um die Wähler in die Richtung zu manipulieren, die der sogenannte „tiefe Staat“ beschlossen hat. Dieser Ausdruck bezeichnet ein verflochtenes Konsortium nicht gewählter hoher Beamter, die im Außen- und Verteidigungsministerium sowie in den Geheimdiensten (CIA, NSA, FBI) die amerikanische Politik lenken und führen, gleichgültig, welche Partei an die Macht gewählt wurde. Es umfasst auch die CEOs der großen Unternehmen sowie die wichtigsten Systemmedien und eine Reihe von NGOs und Thinktanks (Denkfabriken), die den Einfluss dieses Konsortiums im In- wie im Ausland festigen sollen.

Rückblick auf die US-Präsidentschaftswahl 2016

In Europa ist man sich nicht immer bewusst, mit welcher Verbissenheit und Systematik Donald Trump von den Machtnetzwerken über die gefügigen Medien angegriffen wurde. Die Medien, vierte Säule der Macht, die eigentlich die Informationsfreiheit sichern und ihre Verlässlichkeit garantieren sollen, arbeiten de facto im Dienst des Konsortiums, um diejenigen wählen zu lassen, die seinen Interessen dienen werden. Diese Angriffe, die darauf abzielten, die Person zu verunglimpfen und sie zumindest für einen Teil der amerikanischen Bevölkerung zum Schreckbild zu machen, verstärkten sich ab Mitte 2015, als Trumps Wahlkampf begann.

Denn obwohl er Milliardär ist und einer gewissen Elite angehört, ist Donald Trump kein Mann des Apparats. Vor seinem Wahlkampf 2016 hat er keine politische Erfahrung, und seine Präferenzen ändern sich[3] im Laufe der Zeit. In den Fußstapfen seines Vaters unterstützt er die Demokratische Partei in New York und zählt John-John Kennedy, den Sohn von JFK, zu seinem engen Umfeld. In den 80er-Jahren unterstützt er die Kandidatur von Ronald Reagan. Ende der 90er-Jahre nähert er sich eine Zeit lang Ross Perot an, wie er ein Geschäftsmann, der 1992 und 1996 als Unabhängiger für die Präsidentschaft kandidierte. 2012 erwägt er, gegen Obama anzutreten, als dieser sich um eine 2. Amtszeit bewirbt, verzichtet dann aber.

Als er 2015 seine Präsidentschaftskandidatur für die Republikaner ankündigt, löst er im politischen Mikrokosmos von Washington D.C. eine Flutwelle aus und lässt das Establishment erzittern. Tatsächlich bedroht dieser Außenseiter das bestehende System und droht dessen gut geölte Mechanik zu blockieren, während Hillary Clinton zum Zirkel gehört und weitgehend von Google unterstützt wird, ihrem größten Spender, wie zuvor Barak Obama. Die erbitterte Kampagne gegen ihn im Jahr 2016 erreicht eine solche Intensität, dass ihn nicht nur ein Teil der Amerikaner hasst – man spricht vom Trump Derangement Syndrome –, ich habe es persönlich bei meinen demokratischen Freunden überprüft –, sondern ihn auch die Europäer mehrheitlich für einen gefährlichen Faschisten halten.

Google, die Macht eines Monopols

Wie konnte es so weit kommen? Welche Mittel wurden eingesetzt, um die öffentliche Meinung derart zu manipulieren und sogar die Wahlergebnisse direkt zu beeinflussen? Die Einmischung von Google erreicht bei den US-Präsidentschaftswahlen 2020 tatsächlich ihren Höhepunkt. Die Frage ist von Bedeutung, denn die Geschichte könnte sich 2024 durchaus wiederholen …

Google besitzt de facto ein Monopol auf Suchmaschinen im Westen und beantwortet 92 % der Online-Suchanfragen. Innerhalb der GAFAM, die allesamt amerikanische Konzerne sind, steht Google allein für eine Börsenkapitalisierung von 1 655 Milliarden Dollar im Jahr 2024. Das Unternehmen verfügt über die größte Nutzerbasis: Google hat 1,5 Milliarden aktive Gmail-Konten, während Google Chrome 2,6 Milliarden aktive Nutzer[4] weltweit zählt. Diese Monopolstellung ermöglicht ihm astronomische Werbeeinnahmen: 238 Milliarden Dollar[5] im Jahr 2023, und erklärt seine privilegierte Beziehung zur Regierung und zu den Nachrichtendiensten.

Robert Epstein, der Forscher, der Alarm schlug

Es ist nicht das erste Mal, wie Professor Robert Epstein erklärt, der bereits 2015 öffentlich vor dem Einfluss von Google[6] auf Wahlen warnte. Der Psychologieforscher ist zugleich ein leidenschaftlicher Computer-Geek. Er promoviert 1981 an der Harvard University und leitet dann Forschungen zu verschiedenen Themen der Analyse menschlichen Verhaltens, entwickelt Online-Tests und erfindet Computermodelle. Als produktiver Autor schreibt R. Epstein für zahlreiche Medien und wirkt an ihnen mit. 2013 entdeckt er, wie Suchmaschinen Wahlergebnisse manipulieren können – ein Phänomen, das er so benennt: SEME (Search Engine Manipulation Effect). Er hält Vorträge an mehreren Universitäten und veröffentlicht zu dem Thema; dabei zeigt er, dass ein marktbeherrschendes Unternehmen wie Google die Macht hat, den Ausgang knapper Wahlen zu bestimmen.

Ab 2015 stellt R. Epstein ein Team zusammen, um nachzuweisen, wie Suchmaschinen – allen voran Google – vorgehen, um Menschen zu beeinflussen und zu manipulieren. Er rekrutiert in jedem Bundesstaat Freiwillige, die bereit sind, ihre Geräte mit von seinem Team entwickelter Software auszustatten, um die von Google (und anderen Suchmaschinen wie Bing oder Yahoo) gelieferten Suchergebnisse systematisch zu erfassen und anschließend auf Verzerrungen hin zu analysieren.

So entdeckt der Psychologe, dass die Verzerrungen nicht nur existieren und zugunsten der Demokraten ausgerichtet sind, sondern auch gezielt auf das Profil des Nutzers zugeschnitten werden.

Der Einfluss von Google auf Wahlen

In demokratischen Ländern entscheiden sich Präsidentschaftswahlen um wenige Prozentpunkte. Es sind also die Unentschlossenen, die etwa 20 % der Wähler ausmachen, die das Ergebnis einer Wahl verändern können. Sie werden im Laufe ihrer Online-Suchen erkannt und verfolgt, um in die von Google gewünschte Richtung beeinflusst zu werden. In den USA sind die unentschlossenen Wähler eher Gemäßigte, die dazu neigen, dem liberalen Lager zuzuneigen, und Google weiß das. Der Algorithmus wählt daher für die ersten 10 Treffer der ersten Ergebnisseite Artikel, Interviews und positive Meinungen über die demokratischen Kandidaten aus – sei es für die Präsidentschaftswahl oder für einen Sitz im Senat oder im Repräsentantenhaus. Betreffen die Fragen die andere Partei, zeigt die Suchmaschine negative Kritiken und herabwürdigende Bilder der republikanischen Kandidaten an. Es handelt sich um ein flüchtiges, von Algorithmen organisiertes Zensursystem (sobald die Ergebnisse einer Suche angezeigt wurden, verschwinden sie wieder), dessen Auswahlkriterien nicht öffentlich sind.

Die Unentschlossenen werden anhand der von den Google-Algorithmen erstellten und verwalteten digitalen Nutzerprofile genau identifiziert. Facebook funktioniert ähnlich, indem es flüchtige, nach Profil ausgerichtete Beiträge hervorhebt.

Diese für das Funktionieren der Demokratie beunruhigenden Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Keine Universität greift diese Arbeiten jedoch auf oder führt sie weiter, da die Forschungsleiter es nicht wagen, sich dem Tech-Riesen entgegenzustellen. Paradoxerweise ist es ein Whistleblower, der die Richtigkeit der Entdeckungen von Robert Epstein bestätigen wird.

Zach Vorhies: der Whistleblower, der die schwarzen Listen enthüllte

Der Whistleblower Zach Vorhies[7] sorgte 2020 für Schlagzeilen, als er die irreführenden Manipulationen von Google bei politischen Themen öffentlich anprangerte. Der Softwareingenieur arbeitete fast 9 Jahre für die Holding Alphabet in San Francisco, zunächst für Google, dann für YouTube. Ohne wirklich politisch engagiert zu sein, stellt er die linke Ausrichtung der Mehrheit der Mitarbeiter fest und missbilligt die Art, wie die Konservativen behandelt werden, die im Unternehmen eine winzige Minderheit bilden. Dazu muss man sagen, dass das Unternehmen starke Werte zur Schau stellt und entsprechend rekrutiert. Google bezeichnet sich als liberal, im Dienst einer Utopie, die das Unternehmen der ganzen Menschheit aufzuzwingen sucht und die heute in den Grundsätzen von Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) und in der Woke-Ideologie Ausdruck findet. Denn über die Wahlen hinaus haben die Big-Tech-Konzerne im Namen der den Demokraten zugeordneten DEI-Ideologie schrittweise ein regelrechtes Zensursystem aufgebaut, während Konservative mit Etiketten wie Faschisten, Rechtsextreme oder Antisemiten versehen werden.

Diese Ideologie, entstanden als Reaktion auf den Rassismus, ist zu extremen Positionen abgedriftet, etwa zur systematischen Viktimisierung von Minderheiten einschließlich LGBTQ+ oder zur Schuldzuweisung an Weiße. In großen Konzernen wie Alphabet äußert sie sich in DEI-Vereinbarungen, die bis zur Beförderung von Mitarbeitern gehen, nicht nach Erfahrung und Kompetenz, sondern nach Hautfarbe oder sexueller Orientierung.

Unter seinen Kollegen unterscheidet Zach Vorhies zwei Kategorien: die apathischen Liberalen, denen die gesellschaftlichen Entwicklungen gleichgültig sind, und die überzeugten Demokraten, die systematisch gegen jene Partei ergreifen, die ihnen nicht ähneln. Ihre Reaktion nach Trumps Sieg verblüfft ihn. Mitte November 2016 gleicht die Stimmung bei der internen Versammlung zum Wochenende der bei einer Beerdigung. Die Mitarbeiter sind am Boden zerstört, manche weinen. Die immer wiederkehrende Frage lautet: „Wie ist es möglich, dass mehr als die Hälfte unserer Mitbürger Trump wählen konnte?“. Als ein Google-Mitarbeiter fragt, was man im Kampf gegen Desinformation und die Fake News tun könne, die für Trumps Wahl verantwortlich gemacht werden, antwortet Sundar Pichai, der CEO von Google, mit zugleich vagen und alarmierenden Worten. S. Pichai sieht darin eine Gelegenheit, im Bereich des maschinellen Lernens und der künstlichen Intelligenz Fortschritte zu machen. Bisher dienten die internen Kontrollsysteme der Bekämpfung von Problemen wie Belästigung und beleidigenden Kommentaren. Doch einmal verallgemeinert, können KI und maschinelles Lernen für sehr viel mehr eingesetzt werden.

Der multinationale Konzern schlägt daraufhin einen deutlichen Kurs in Richtung Zensur ein. Seine Algorithmen machen nicht nur konservative Websites, Medien und Influencer unsichtbar oder blockieren sie, sondern bald auch all jene, die während der COVID-Krise die Berechtigung der Gesundheitsmaßnahmen infrage stellen. Als Zach Vorhies die „politischen schwarzen Listen“[8] entdeckt, die Websites, YouTube-Kanäle und Schlüsselwörter umfassen und in die Suchalgorithmen eingebaut werden, um bestimmte Informationsquellen zu verbannen, unsichtbar zu machen oder mit einem negativen Etikett zu versehen, trifft er eine radikale Entscheidung. Im Juni 2019 kündigt er bei Google und nimmt mehr als 950 Seiten interner Dokumente mit – darunter die berüchtigten schwarzen Listen –, die er dem Justizministerium übergibt. Über Project Veritas informiert er auch die Öffentlichkeit über das umfassende Zensursystem von Google. Als Whistleblower anerkannt, erzählt Z. Vorhies seine Geschichte anschließend in einem im August 2021 veröffentlichten Buch, Google Leaks[9]!. Darin legt er ausführlich dar, wie das Unternehmen intern ein regelrechtes „Wahrheitsministerium“ aufgebaut hat.

Untätigkeit der Politik

Das US-Bundesrecht besagt[10]: Unter Eid vor dem Kongress zu lügen ist ebenso ein Meineid wie eine Lüge vor Gericht. Und doch antwortet der für Public Policy zuständige Vizepräsident von Google, Karan Bhatia, als ihn die demokratische Senatorin Mazie Hirono 2019 vor einem Kongressausschuss zur Erstellung politischer schwarzer Listen befragt: „Nein, Frau Senatorin, wir verwenden keine schwarzen Listen, um unsere Suchergebnisse zu beeinflussen“.

Robert Epstein seinerseits dokumentiert weiterhin, wie die für Milliarden Nutzer nahezu unumgänglich gewordene Suchmaschine die Kontrolle über Verhalten, Denken und Wahlen übernimmt. In seinen Auftritten wiederholt dieser Liberale, dass er die Demokratie, die Vereinigten Staaten und die Menschheit über jede politische Partei stellt. Schon 2016, als er selbst Hillary Clinton unterstützt, beunruhigen ihn die Ergebnisse seiner Software, die bei 95 Freiwilligen in 24 US-Bundesstaaten installiert ist. Die Analysen, die er mit seinem Team zu 13 000 wahlbezogenen Suchergebnissen durchführt, zeigen extreme, von Google erzeugte Verzerrungen. Nach seinen Berechnungen sollen diese Verzerrungen es ermöglicht haben, zwischen 2,6 und 10,4 Millionen Stimmen unentschlossener Wähler zur demokratischen Kandidatin zu verschieben, ohne dass es jemand bemerkte!

Im Juni 2019 wird R. Epstein vor den Justizausschuss des US-Senats geladen, um die Ergebnisse[11] seiner Forschung darzulegen. Sein Ziel ist es, die Abgeordneten vor den Gefahren zu warnen, die Google für das ordnungsgemäße Funktionieren der Demokratie darstellt. In seiner Aussage warnt er, dass die Ingenieure von Google bewusst flüchtige Erlebnisse konstruieren, um die Denkweise der Internetnutzer zu verändern und ihre Entscheidungen zu lenken. Außerdem weist er auf die von den GAFAM, insbesondere Facebook, betriebene Massenüberwachung hin und bestätigt die Existenz der schwarzen Listen. Schließlich warnt er den Ausschuss, dass die Wahlen 2020 gefährdet seien, da alle Tech-Giganten dieselbe Partei unterstützten, und dass ein großes Risiko bestehe, dass Facebook und vor allem Google ihre Algorithmen einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen: die demokratischen Kandidaten gewinnen zu lassen.

Doch die Senatoren reagieren nicht, obwohl Professor Epstein konkrete technische Lösungen zur Überwachung von Google vorstellt. Zur Erinnerung: Die Mitglieder der Demokratischen Partei werden von den Big-Tech-Konzernen finanziell unterstützt, und einige befinden sich im Wahlkampf. Die Republikaner wiederum scheuen sich, Gesetze zu erlassen und das zu behindern, was sie noch immer als freien Wettbewerb betrachten. Es wird keine Entscheidung getroffen, und bei den Anhörungen bleibt es.

Es geht um das Überleben der Demokratie

2020 wiederholt Epstein das Experiment mit einem größeren Team und mehr Mitteln. 1735 Freiwillige, die in den für die Präsidentschaftswahl entscheidenden Bundesstaaten und Countys leben, werden rekrutiert. 5 Millionen Webseiten auf Google, Yahoo, YouTube, Facebook und Bing werden gespeichert. Wenige Tage vor der Wahl beschließt er, seine Analyseergebnisse zu veröffentlichen. Die Ergebnisse bestätigen unmissverständlich Verzerrungen, Unregelmäßigkeiten oder Betrug, die insbesondere von Wahlprüfern und Wahlexperten angeprangert wurden[12]. Robert Epstein wagt sogar die Behauptung, dass nach seinen Hochrechnungen ohne das Eingreifen von Google Präsidentschaft, Senat und Kongress der USA eine republikanische Mehrheit gehabt hätten! Die folgende Tabelle von der vom Epstein-Team eingerichteten Website[13] stellt die offiziellen Wahlergebnisse (linke Spalte) einer Hochrechnung der Ergebnisse ohne Einmischung von Google (rechte Spalte) gegenüber.

google-en-guerre-contre-les-esprits

Robert Epstein muss das Gefühl haben, ein Rufer in der Wüste zu sein: Die Mainstream-Medien ignorieren ihn, die Senatoren hören ihn an und wenden sich dann von seinen Arbeiten ab, ohne Gesetze zu erlassen, seine Forscherkollegen weigern sich, die Fackel aufzunehmen. Dennoch setzt er mit seinem Team seine Arbeit unermüdlich fort und prangert eine beispiellose Übernahme der Kontrolle über unser Denken an. Denn für diesen erfahrenen Psychologen besteht kein Zweifel daran, dass nicht mehr und nicht weniger als die Freiheit auf dem Spiel steht, kritisch zu denken und selbst zu denken. Dank der neuen Technologien sind diese Manipulationen nämlich von ganz anderer Art und Tragweite als die Mittel früherer totalitärer Regime. Aufgrund ihrer Flüchtigkeit entziehen sich diese Manipulationen dem Bewusstsein und wirken unterschwellig auf unsere Entscheidungen und unser Verhalten.

200 Plattformen betreiben Inhaltskontrolle

Wie R. Epstein es zusammenfasst: „Sie wissen nicht, was man Ihnen nicht zeigt“. Die überwältigende Mehrheit der Internetnutzer geht bei ihrer Suche nicht über die erste Seite der von Google vorgeschlagenen Ergebnisse hinaus. Sie akzeptieren passiv die Wahrheit nach Google. Die Reihenfolge, in der die Ergebnisse von Online-Suchen angezeigt werden, ist daher entscheidend, um das Verhalten des Internetnutzers nach den im Algorithmus programmierten Kriterien zu beeinflussen. Kontrolle und Lenkung der Inhalte werden von 200 spezialisierten Plattformen betrieben, die nach geheimen Protokollen wie ein globales Überwachungssystem orchestriert werden. Google Analytics ist darauf ausgelegt, kolossale Gewinne zu erzielen und zugleich Vorkämpfer einer Ideologie zu sein. Und ähnliche Mechanismen sind bei Facebook am Werk.

Oft wird auf die Abschiedsrede von Präsident Dwight Eisenhower vom 17. Januar 1961 verwiesen, in der er vor dem militärisch-industriellen Komplex warnte. Robert Epstein weist auf eine zweite Warnung[14] Eisenhowers hin: „die Gefahr, dass die öffentliche Politik selbst zur Gefangenen einer wissenschaftlich-technologischen Elite wird“.  Sechzig Jahre später ist es so weit. Die technowissenschaftliche Elite hat die Macht übernommen und Regierungen ebenso wie internationale Institutionen unterwandert. Eine enorme Macht liegt in den Händen von Milliardären, größenwahnsinnigen Tech-Magnaten. Gierig nach ewigem Leben dank KI, verbreiten sie ihre Techno-Religion und verfügen nun über die Mittel, die Massen in die Richtung zu lenken, die sie selbst gewählt haben.

Ist es schon zu spät?

Die von Robert Epstein vorgeschlagenen Lösungen sind pragmatisch und relativ leicht umzusetzen, wenn der politische Wille vorhanden ist. Man müsste verlangen, dass Google den Suchindex seiner riesigen Datenbank öffentlich macht, ihn also Open Source stellt. Sollte die Informationssuche nicht schließlich ein öffentliches Gut sein? Das würde transparent machen, wie die Ergebnisse gefiltert werden, ohne die Werbeeinnahmen zu schmälern. Es würde auch Innovation und gesunden Wettbewerb neu beleben, indem es die Entwicklung leistungsfähiger Suchmaschinen fördert, die sich auf Nischen und Interessengebiete spezialisieren könnten.

Derzeit sind 70 % der Videos, die Internetnutzer auf YouTube ansehen, vom Algorithmus empfohlen. Wenn wir nicht einverstanden sind, dass Google unsere Entscheidungen lenkt und unser Verhalten ohne Ihr Wissen manipuliert, dann deaktivieren wir zunächst die automatischen Empfehlungen, installieren eine unabhängige Suchmaschine und holen uns unsere Macht zurück!

Elisabeth Dancet


Vorspann und Illustration von BAM!

Fotomontage:  Marcan

[1] How Many People Own Smartphones in the World? (2024‑2029) | Priori Data

[2] TTP - Google’s White House Meetings

[3] Donald Trump: Campaigns and Elections | Miller Center

[4] https://zipdo.co/google‑user‑statistics/

[5] Google: advertising revenue 2023 | Statista

[6] How Google Could Rig the 2016 Election - POLITICO Magazine

[7] Zach Vorhies - Google | Project Veritas

[8] More reports suggest Google lied when it told congress it doesn’t have manual blacklists

[9] Google Leaks: A Whistleblower’s Exposé of Big Tech Censorship: 9781510767362: Heckenlively, Kent, Vorhies, Zach: Books

[10] 18 U.S. Code § 1001 - Statements or entries generally

[11] Why Google Poses a Serious Threat to Democracy, and How to End That Threat

[12]  Audit électoral aux USA : la saga continue | FranceSoir

[13] https://americasdigitalshield.com/

[14] President Dwight D. Eisenhower’s Farewell Address (1961) | National Archives

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