Die AJP, die RTBF und das WEF
Bernard Crutzen hat an der Vorpremiere des Films „September 5“ teilgenommen, die von der Association des Journalistes Professionnels (AJP) organisiert wurde. Nach der Vorführung war eine Debatte angekündigt, mit Persönlichkeiten aus den Mainstream-Medien. Doch konnte man wirklich von einer Debatte sprechen? Zwischen gedämpftem Konsens, fehlendem Widerspruch und fragwürdigen Referenzen schildert uns der Filmemacher seine Eindrücke von diesem Abend.
Eine Debatte ohne Widerspruch
Wie inzwischen üblich, waren sich die drei Personen, die nach dem Film zur Debatte eingeladen waren, im Großen und Ganzen in allem einig. Was wäre auch natürlicher, da alle drei hohe Verantwortliche in Mainstream-Medien sind (RTBF, RTL, VTM). Im Zusammenhang mit dem Film, der die Live-Übertragung der Geiselnahme von München (Olympische Spiele 1972) nachzeichnet, ging es im Austausch darum, wie man über ein dramatisches Ereignis berichtet: die Live-Berichterstattung, die Berufsethik, persönliche Erfahrungen (Anschläge von Brüssel), die Konkurrenz durch die Nachrichtensender „rund um die Uhr“, die der sozialen Netzwerke usw.
Damit es eine Debatte gegeben hätte, hätte eine befugte Person über die über soziale Netzwerke (X, Facebook, Insta…) verbreiteten Nachrichten sprechen müssen. Aber solche Gesprächspartner, das ist mir durchaus bewusst, sind nicht leicht aufzutreiben. Wer sollte X in Belgien vertreten? Was die Frage betrifft, einen Vertreter der sogenannten „alternativen“ Medien einzuladen, so wurde sie von der AJP, die diese nicht als professionelle Presseorgane anerkennt, vermutlich nie in Betracht gezogen.
Statt einer Debatte erlebten wir also einen höflichen, gedämpften Austausch, gefolgt von einer Fragerunde mit dem Publikum. Die Fragen gingen größtenteils in die Richtung der „Debattierenden“: die Verantwortung der Mainstream-Medien gegenüber den sozialen Netzwerken, die schneller am Ball sind, Informationen aber auf unprofessionelle Weise verbreiten. Zwei Fragen aus dem Publikum sorgten für ein leichtes Unbehagen. Die erste war politischer Natur (Anschlag auf Palästinenser im Libanon), die andere betraf die Medienberichterstattung über die Gesundheitskrise (sensationsheischende Bilder zu Beginn der Pandemie). Diese Frage kam nicht von mir. Ich hätte gern andere gestellt, zum Beispiel zur Erzählung über den Krieg in der Ukraine, bei der die Medien den Standpunkt der NATO weitergeben, uns auf den Krieg vorbereiten und uns nur sehr selten zeigen, welches Leid dieser Konflikt vor Ort verursacht. Ich hätte zumindest eine Frage stellen wollen, aber es gibt eben solche Abende, an denen einem der Mut fehlt und man sich sagt: „Wozu?“
Redaktionelle… oder subventionierte Medien?
Ein interessanter Moment war die Suche nach einem Adjektiv zur Bezeichnung der Mainstream-Medien. Jean‑Pierre Jacqmin (RTBF) mag dieses Wort nicht, er findet es herabsetzend. Sein Kollege von VTM soufflierte ihm „redaktionelle Medien“, ein Begriff, der in Flandern offenbar gebräuchlich ist. Der Nachrichtendirektor der RTBF schien von diesem Vorschlag begeistert. Ich finde ihn verkürzend. Denn manche „alternativen“ Medien haben eine echte Redaktion: BAM!, Kairos, Zèbre,... (um nur einige französischsprachige belgische Titel zu nennen). Der Begriff „subventionierte Medien“ wäre recht treffend, aber die an diesem Abend anwesenden Fernsehsender wünschen vermutlich nicht, dass man ihre etwaige Gefälligkeit gegenüber den Subventionsgebern anspricht. Ich persönlich genieße den Begriff, den die Schweizer Wochenzeitschrift Antipresse für die Mainstream-Medien verwendet: „médias de grand chemin“!
JP Jacqmin und das Weltwirtschaftsforum
Ich hätte mich dennoch beinahe zu Wort gemeldet (aber es war nicht die Zeit für Fragen), als der Nachrichtendirektor der RTBF (Jean‑Pierre Jacqmin) das Weltwirtschaftsforum (auf Englisch WEF) als Referenz anführte! Diese besser unter dem Namen „Davos-Forum“ bekannte Stiftung, die Industriekapitänen, gekrönten Häuptern und Stars vorbehalten ist, betreibt völlig ungestraft illegalen Lobbyismus, wie der ehemalige Lobbyist Frédéric Baldan in seinem Buch „UrsulaGates“ sehr anschaulich erklärt[1]. Der Chef des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, hat sich unter anderem gerühmt[2], mit seinen Young Global Leaders (darunter die Herren Trudeau und De Croo) die Regierungen mehrerer Länder unterwandert zu haben.
Jean‑Pierre Jacqmin hat am Dienstag also einen einflussreichen und entschieden undemokratischen Think Tank paraphrasiert: „Die drei wichtigsten globalen Risiken[3], die das Weltwirtschaftsforum ermittelt hat, sind 1. Desinformation 2. Klimawandel. 3. Gesellschaftliche Polarisierung.[4]“ Es hatte etwas Ironisches, dass ausgerechnet der Vertreter der RTBF die Polarisierung der Gesellschaft ansprach, wo diese doch wie keine andere die Bürger stigmatisiert, in einen Topf wirft und spaltet[5], je nachdem, ob sie den offiziellen Narrativen anhängen oder nicht (freiheitsfeindliche Maßnahmen in Pandemiezeiten, Impfung, Klimawandel, EVRAS, Wokismus, Krieg in der Ukraine oder in Gaza…)
Ich wünsche mir sehr, dass sich der Nachrichtendirektor der RTBF auf andere, akademischere, demokratischere oder pluralistischere Quellen beruft. Und ich empfehle ihm die Lektüre von „UrsulaGates[6]“, damit er begreift, wes Geistes Kind die Quellen sind, die er zitiert. Aus bloßer Unkenntnis? Sich auf das Weltwirtschaftsforum zu berufen, dient ganz sicher nicht dem Gemeinwohl, dem der Bevölkerung und der belgischen Steuerzahler, die sowohl das Belgium House in Davos[7] als auch die RTBF finanzieren.
Bernard Crutzen
Dokumentarfilmer.
[3] Le Forum économique mondial dévoile le Rapport sur les Risques Globaux 2024
[4] Ich zitiere JP Jacqmin aus dem Gedächtnis, ich glaube nicht, dass es eine Aufzeichnung dieser Debatte gibt.
[5] Zum Beispiel: Complotistes, extrême droite et adeptes de théories pédocriminelles : voici le réseau des désinformateurs sur l’Evras en Belgique - RTBF Actus oder #Investigation – Antivax, les marchands de doute - RTBF Actus
[7] Davos : ’the place to be’ où les acteurs politiques et économiques de la planète négocient, y compris la Belgique - RTBF Actus