Covid-19-Krise: die Tyrannei des Nullrisikos
„Howard Hughes, ein Pionier der Luftfahrt, der mehrere Flugzeugabstürze überlebte, hatte dennoch eine maßlose und irrationale Angst vor Viren und Mikroben. Er verbrachte die letzten zehn Jahre seines Lebens eingeschlossen in Luxushotels, die er gekauft hatte.“
„Bei näherer Betrachtung könnte das Lebensende von Howard Hughes durchaus die schiefe Ebene sein, auf die uns eine Hygienestrategie führen würde, die Viren, Bakterien und Pilze aus unserem Leben verbannen will. Kann, darf das Nullrisiko ein Ziel der öffentlichen Gesundheit sein?“
„Wir sind der Ansicht, dass die sozialen Kosten dieses Unterfangens unendlich viel höher sind als der gesundheitliche Nutzen, den wir davon erwarten könnten. Wir sind der Ansicht, dass das Nullrisiko eine zerstörerische Chimäre ist und dass wir uns damit abfinden müssen, dass das Virus in minimaler und kalkulierter Weise weiter in der Gesellschaft zirkuliert.“
„Die Frage des Risikos lässt sich nicht allein auf den Blickwinkel der Viren reduzieren. Das Leben in Gesellschaft setzt die stillschweigende Hinnahme einer gewissen Anzahl von Risiken voraus. Uns von Viren und Bakterien abzuschotten, hieße, uns auch von der Gesellschaft abzuschotten, wie Howard Hughes.“
„Nun gehen wir jeden Tag Risiken ein, oft ohne es zu wissen.“
„In der Stadt zu leben heißt, das Risiko der Luftverschmutzung in Kauf zu nehmen, die laut der Europäischen Umweltagentur jedes Jahr in Belgien etwa 10.000 vorzeitige Todesfälle verursacht.“
„Die aktuelle Situation setzt uns jedoch einem anderen Risiko aus: dem eines längerfristigen gesellschaftlichen Zusammenbruchs, mangels Fundament oder Sinn. Ohne politische Perspektive und ohne gesellschaftlichen Konsens, die die Entscheidungen leiten, geht diese Gesellschaft des Nullrisikos mit jener biologischen oder sozialen Keimfreimachung einher, die sich im Umgang mit Covid-19 entfaltet. Nichts mehr zu riskieren ist eine Illusion des Konsenses.“
„Denn in Belgien ziehen es die Politiker offenkundig vor, zu kontrollieren, Schuldgefühle zu erzeugen und zu bestrafen, statt wirklich zu informieren, aufzuklären und Vertrauen zu schenken. Diese Situation ist ganz eindeutig das Ergebnis des Bruchs des Vertrauensverhältnisses zwischen den Vertretern der Bürger und den Bürgern selbst.“
„In einer materialistischen Gesellschaft, in der sich für manche der verbissene Kampf gegen den Tod immer mehr als oberstes Ziel erweist, schneidet man sich schnell von allen anderen ab, um seine kleinen existenziellen Hausgötter zu retten. Denn um die physischen Körper zu retten, indem sie sie verbarrikadieren, schwächen unsere Regierenden den Gesellschaftskörper.“
„Kurz, eine der Folgen dieses Verlusts tief ‚verinnerlichter‘ Orientierungspunkte könnte sein, dass die physische Distanzierung gewissermaßen eine soziale Distanzierung und Schwächung nach sich zieht, die der digitale Austausch und die sozialen Netzwerke niemals werden ausgleichen können.“
„Was man in einer Demokratie von den Regierenden erwartet, ist nicht, der Hysterie des Nullrisikos nachzugeben, die dem todbringenden Gefängnisuniversum von Howard Hughes gleicht, sondern uns zur breiten demokratischen Diskussion zu stellen, welches Risiko akzeptabel ist und unter welchen Bedingungen.“
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